Liebe Ramona,
Was wäre wenn. So fangen viele Gedanken an, gerade wenn sich Extreme ereignet haben. Es ist oft schwer die Tatsachen zu sehen, wie sie das Unmögliche ausgegrenzt zu haben und vor vollendeten Tatsachen zu stehen. Gerade wenn es um Menschenleben geht kommen die extremsten Gedanken.
Neulich lief ich mal wieder in so eine Richtung und fragte mich, warum wir damals, nachdem wir uns kennengelernt haben, nicht direkt geheiratet haben. Alles stimmte, die Sympathie war da, der Rest passte auch. Doch wir sind andere Wege gegangen und stehen heute hier. Du und die Kinder sind tot. Man hat natürlich den Fall aufgeklärt, obschon ich der Ansicht bin, dass vieles wie so oft schön geschrieben wurde.
Man sprach am Ende von der schweren privaten Belastung in Sachen einer schwierigen Scheidung die im Raume gestanden habe. Fertig. Was für eine Auslegung. Wir wissen, dass viele Scheidungen nicht immer in Harmonie verlaufen und gerade wenn Kinder ins Spiel kommen geht es oft drunter und drüber. Ich kann es mir nur so erklären:
Kurz vor dem Schritt in den Tod muss der Gedanke gewesen sein, dass du dich und die Kinder an einen wirklich sicheren, friedlichen Ort gewünscht hast.
Genau das sagen viele in solchen Augenblicke. Leider ist die Wissenschaft auf diesem Gebiet sehr nachlässig. man kennt diesen Gedankengang aber genaue Forschung ist Fehlanzeige dabei wäre das ein Bereich den man genau erforschen sollte. Menschen, die glauben, durch den eigenen Tod und den Tod geliebter Menschen in eine “sichere Welt” zu kommen. Da spielt auch der Glaube eine Rolle. Man geht in Beriche die wir oft bestenfalls nur in Thesen ausdrücken können aber nie eine Gewissheit haben werden.
Niemand kann wirklich sagen, dass du und die Kinder jetzt an einem sicheren Ort sind. Das ist Amor Fati restlos ausgelebt und das tut nicht immer gut, aber es ist die Wahrheit.
Ich gehe ein Schritt weiter und frage mich dann immer: Was war der Auslöser?
Erstaunlich ist, dass auch hier die Wissenschaft kaum Forschung anstellt. Bestenfalls weiß man zu sagen, dass jeder Auslöser erleben kann, die in kurzer Zeit für Betroffene absolut tödlich enden. Was also war bei dir der Auslöser?
Ich will an dieser Stelle auch mal sagen, es geht mir nicht darum, wen anklagen oder Vorhaltungen zu machen. Es geht mir mehr darum, Menschen darauf hinzuweisen, wie sie miteinander umgehen und einiges an Verhalten kann sogar tödlich enden. Es kann jeden jederzeit treffen.
War es die Angst, die Kinder zu verlieren?
Ich gehe davon aus das hier eine Option im Ganzen ist.
Hinzu kam die Enttäuschung auf anderen Ebenen wie ein Liebhaber, wo ich von Anfang an sagte “taugt nix” auf taube Ohren stieß. Was sollte ich mehr tun, als meine Meinung sagen und “sich gebraucht und benutzt” fühlen, trägt in Extreme nicht sonderlich zur Abkehr dummer Ideen bei. Kommen andere Aspekte wie der mögliche Verlust der geliebten Kinder hinzu, ist man ganz schnell auf einer Ebene die in Extreme geht. Das alles muss ein Zusammenspiel bei dir gewesen sein und dann die fehlende Alarmmeldung. Die letzten Worte waren an deine Mutter. „Ich kann nicht mehr”.
Ja, den Satz haben wir schon sehr oft gehört und es ist für uns die Alarmmeldung schlechthin. Wenn du mir das geschrieben hättest, liebe Ramona, dann wären wir so schnell da gewesen wie einige Tage zuvor, als deine Meldung kam, dass du vom Liebhaber eher unsanft “abservierst” wurdest. Auch hier denke ich manchmal, dass mal wieder mein Lösungsvorschlag besser gewesen wäre. Dich und die Kinder in ein sicheres Umfeld bringen und die ganze Sache auf üblichen Wege bereinigen.
Haben wir da einen Fehler gemacht? Nein.
Wir haben dich so gelassen wie du sein willst. Damals hattest du an dem Tag keine Aspekte gezeigt, die auf eine Gewaltlösung hingedeutet hätten. Ich glaube, auch diese Entscheidung kam irgendwann in der Nacht, nachdem du deiner Mutter geschrieben hast. Wohl war noch etwas dazwischen und dann das schreckliche Ende.
Wie schon gesagt, ich wäre, wenn du es gewollt hättest, dabei gewesen und ich hätte dieses Vorgehen nicht hingenommen. Ich hätte keine Chance gehabt, es zu verhindern, außer dass ich mich vor die Kinder und vor dich und eben der Waffe gestellt hätte. Wahrscheinlich wäre ich dreimal erschossen worden, aber das hätte ich hingenommen, denn die Kinder und du waren und sind es bis heute wert. Nein, ich werfe mein Leben nicht leichtsinnig weg, aber das hätte ich genau so getan. Ich hätte mich dreimal vor deine Waffe gestellt.
Warum?
Bruder und Schwester im Kampf und wenn deine Absicht war zu gehen und ich es nicht mehr verhindern kann, musst du mich mit auf die Reise nehmen und genau das hast du gewusst.
War es Liebe zu mir, warum hast du keinen Alarm geschlagen ?
Ich lasse die Antwort offen, sie steht zwischen Himmel und Erde geschrieben und irgendwann wird es mich auch mal erwischen und an einem sicheren Ort jenseits oder wie man es nennen mag, gibt es ein Wiedersehen. Ja, ich werde es so tun, ich trete dir zuerst kräftig in den Hintern und dann …

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